Caminho 
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Meine Reise auf dem Jakobsweg 2023

 
Wie bin ich überhaupt zu dieser Reise gekommen? 
 
Mein Leben brauchte eine Veränderung und zwar unwiderruflich und sofort. Die letzten Jahre mit all den Veränderungen und Verlust, meine ungeheurer Wut und Traurigkeit auf die Welt und die Regierung mit ihren Entscheidungen. Daher habe ich meinen Job gekündigt. Natürlich hatten alle ein großes Fragezeichen auf der Stirn. Wie kann man nur einen gut bezahlten Job kündigen, nur weil man gerade nicht glücklich ist? 
Ja ich kann und dann kam der Wunsch sich eine Auszeit zu gönnen. Was mache ich in dieser Auszeit – den Jakobsweg gehen. Die Idee habe ich von einer Freundin aufgenommen, leider konnte ich den Weg nicht mir ihr gehen, denn zeitlich war es einfach nicht möglich und vielleicht musste ich diesen Weg auch alleine gehen. 
 
Daher habe ich spontan einen Flug gebucht. Vielleicht für mich, als nicht so erfahrene Fliegerin, der schwierigste Schritt. Von wo, wie und womit komme ich nach Portugal??? 
 
Nach ein paar Telefonaten mit meiner Tochter, war es dann soweit. Ein Flug von Frankfurt nach Porto gebucht, 14 Tage später der Rückflug von Porto nach Frankfurt. Dazu 2 Zugtickets von Hannover nach Frankfurt, eine Auslandskrankenversicherung, eine Gepäckversicherung, eine Jakobsmuschel, einen Pilgerausweis und einen Reiseführer der Marke OUTDOOR. 
 
Aber wie verständige ich mich in Portugal? Also noch schnell für 3 Wochen einen kleinen Babbel-Sprachkurs portugiesisch eingebaut. Jetzt kann es aber losgehen. 
 
Sonntag: 19.02.2023 um 6:30 Uhr geht es los. Mein Weg beginnt in Hannover mit dem Zug nach Frankfurt. Um 13:50 Uhr soll der Flieger nach Porto starten. Alles klappt reibungslos. Wie immer und wie ich mich kenne, bin ich viel zu früh am Flughafen und habe massig Zeit zum einchecken und Gepäck aufgeben. 
 
Aber ich bin aufgeregt, was mache ich hier eigentlich und ist das alles richtig? Werde ich es schaffen alleine zu gehen und finde ich mich zurecht? 
 
Flug und Ankommen in Porto, schnell habe ich aus dem Reiseführer den Tipp mit dem Bus in die City zu fahren genutzt. Einmal Sightseeing für 2,50 Euro quer durch die Vorstadt von Porto. Ein paar erste vorsichtige Schritte und schnell ein Zimmer für die Nacht gesucht. Pensao Franca, sehr rustikal. Wenn ihr schon immer einmal in einem kleinen Holzverschlag schlafen wolltet, dann kann ich ein Zimmer für 25,- Euro dort unbedingt empfehlen. Ansonsten würde ich das nächste mal wohl eher eine andere Unterkunft buchen. Herzlich willkommen in Porto. Zum Abendessen suche ich mir noch ein kleines Lokal in der Nähe. Das scheint sehr beliebt zu sein und so lerne ich die ersten portugisischen Gepflogenheiten kennen und lieben. Auf dem Nachhauseweg kaufe ich noch etwas Obst, Wasser und Spiritus für meinen Brenner ein, damit ich morgen gleich früh starten kann. 

 


Montag, 20.02.2023 Porto - Angeiras 24 km


Ich starte früh gegen, 7:30 Uhr von der Pension direkt zur Kathedrale in Porto und schlendere durch die Altstadt, noch ziemlich alleine um diese Uhrzeit. Ein erstes Bild an der Kathedrale und die Wegweiser zeigen wo es für mich langgeht. Ich beginne meinen Caminho am Fluß Douro. Ein ziemlich ermüdender Weg entlang des morgentlichen Flußes.  Als ich am Meer ankomme, nach ca. 5 km, gibt es eine erste kleine Pause in einem Café oder wie man hier sagt, in einer Pastelaria. Dort bekomme ich einen ersten Einduck von dem unglaubliche Gebäckangebot in Portugal. Da ich keinen koffeinhaltigen Kaffee trinke, entscheide ich mich für einen Chá verde, also einen grünen Tee und einen Croissant brioche. Hmm super, jetzt gefällt mir Portugal schon. Und das Wetter? Naja ein bisschen bedeckt aber ganz okay. Immerhin bekomme ich so keinen Sonnenstich. 
 
Der Weg führt ab dem Meer größtenteils an der Promenade und auf Holzstegen entlang, ist sehr gut ausgeschildert und auch hier bin ich am Montag morgen noch ziemlich allein. 270 km sollen es bis Santiago sein. Nur ein paar sehr sportliche Jogger laufen an mir vorbei und einige Hundehalter bevölkern den Strand. Das Meer – endlich Seeluft und hohe Wellen. Der Atlantik ist wild und stürmisch. Mit einem ständigen Rauschen im Ohr wandere ich Kilometer um Kilometer vor mich hin. Ich bekomme einen ersten Eindruck von diesem wunderbaren Land. Eine sehr gut ausgebaute Promenade entlang der Küste. Im Sommer, wenn es warm ist findet man eine Strandbar neben der anderen. Sicher ein schöner Ort um zu verweilen. Aber ich merke auch, wie mich der Rucksack drückt. Lange habe ich keinen so schweren Rucksack mehr getragen. Mein Rücken muss sich erst wieder daran gewöhnen. Und warum zwickt die Hüfte rechts? Ach was ist denn los? Endlich bin ich auf meinem Weg und es pickst und drückt überall. Na, egal es geht einfach weiter. Hier und da noch eine kleine Pause. Und dann nach 24 km die Entscheidung, ich möchte auf dem Campingplatz Angeiras übernachten. Dort bietet Orbitur, eine Campingplatzkette, kleine Hütten für Pilger an. Also einchecken und endlich den Rucksack runter. Direkt angeschlossen ein kleines Restaurant. Hier gibt es ein kleines Pilgermenue für 10 Euro. Bis 19 Uhr muss ich noch warten, dann bekomme ich einen Tisch für mich und der Kellner entfacht ein offenes Feuer direkt neben mir im Kamin. Ich entscheide mich für eine Suppe, einen Teller gegrillte Sardinen und ein Glas Wein. Prima, so ist alles wieder gut. Es kommen noch 2 andere Pärchen im Lokal an, aber es ist noch sehr überschaubar. Draußen ist es mächtig kühl und regnerisch. Hoffentlich ist das Wetter morgen besser. 


Dienstag, 21.02.2023 Angeiras - Rates 24 km

 
Eigentlich wollte ich den Caminho da Costa nehmen, aber irgendwie kann ich mich nicht so richtig entscheiden und blättere immer wieder in meinem Reiseführer hin und her. Dort lese ich, dass es ab Vila do Conde eine Verbindung zum Zentralweg gibt. Irgendwie ist es zwar schön am Meer zu gehen, aber auch ein wenig langweilig. Ich will mehr Abwechslung und Wald und Berge. Also entscheide ich mich spontan über den Verbindungsweg Richtung Rates zu laufen und mich doch auf den Zentralweg zu begeben. Mein Rücken ist immer noch etwas angestrengt und ich merke eine erste Blase an meinem rechten Fuß. Irgendwie bin ich noch nicht in meinem Tritt, das Laufen fällt noch schwer und ich denke zu viel. Wovor laufe ich davon? Was kostet die Freiheit? 
Der Weg ist ziemlich unspektakulär, manchmal durch enge Gassen und an vielen Orten vorbei. Nicht immer ist ein Fußweg vorhanden, daher ist vorsicht vor den Autos geboten. Das schleppt sich für mich ganz schön dahin und Abwechslung durch Begegnungen ist auch nicht in Sicht. Ich bin ziemlich alleine hier. 
In Rates angekommen schlafe ich in einer öffentlichen Herberge. 6 Doppelstockbetten in einem der Zimmer in einem alten Gemäuer. Die Dusche ist nur semioptimal warm und alle anderen Annehmlichkeiten suche ich den ganzen Abend ;-). Ein Pilgermenue finde ich im Restaurant nebenan. Eher etwas lustlos dargeereicht, aber egal, Hauptsache es macht satt. Auch hier fällt mir auf, dass ich noch ziemlich früh im Jahr unterwegs bin. In der Herberge schlafen gerade einmal 5 Leutchen. Es scheint noch nicht Pilgersaison zu sein. Wie es wohl im Sommer hier ist. Ich kann mir pilgern im Sommer allerdings gar nicht vorstellen. Für mich ist die Temperatur zum Laufen gerade einfach ideal, im Sommer sollen es bis zu 40 Grad werden. Okay, nachts ist es noch ein wenig kalt, aber dafür schleppe ich ja meinen super tollen Daunenschlafsack mit. 


Mittwoch, 22.02.2023 Rates - Barcelos 18 km

 
Heute starte ich in Sandalen. Eine riesige Blase hat sich an meinem rechten Hacken gebildet und ich überlege, wie ich am besten damit verfahre. Also erst einmal fettes Blasenpflaster der Luxusmarke Compeed drauf. Ich habe eine ganze Schachtel davon dabei. Also wird es doch wohl gehen. Die Alternative, die Blase mit Zahnseide durchfädeln. Aber was, wenn sich die Stelle entzündet. Lasse ich doch erst einmal Plan A greifen und versuche es mit Sandalen und Blasenpflaster. Nun bin ich froh, dass ich als zweites Paar Schuhe die stabilen Wandersandalen eingepackt habe. So habe ich wenigstens eine Alternative zum Laufen, und duschen kann ich auch mit denen. Der Weg ist heute sehr schön und so langsam komme ich in meinen Rhythmus. Ich schaffe es sogar heute einen kleinen Berg zu erklimmen und mache einen Umweg über die Kirche Sta. da Franqueira. Auch hier oben, bei herrlicher Aussicht, bin ich mal wieder fast allein. Ein wenig habe ich Sehnsucht nach Gesellschaft. Sollte pilgern nicht auch ein Gemeinschaftserlebnis sein? Hm, dafür ist einfach zu wenig hier los. Als ich in Barcelihnos ankomme, fängt es gerade heftig an zu regnen. Also schnell wieder in eine Pastelaria einkehren. Leider gibt es nirgends so etwas wie Speisekarten. Ich schaue einfach, was so in der Auslage liegt und versuche in meinem stümperhaften Portugiesisch etwas zu bestellen. Dabei entdecke ich, dass oft Toasts serviert werden. Also bestelle ich ein Toasta queijo – ein Toast mit Käse. Und natürlich wie fast immer entweder einen Chá verde oder wie ist es mal mit einer: lata de coca zero – eine Dose Cola Zero… ach wie wunderbar, lässt sich der Regen aussitzen, wenn man warm und trocken sitzt. Das soll pilgern sein? Ich überlege ob es für mich einen Unterschied macht. Eigentlich wandere ich einfach durch Porugal. Okay, ab und zu bekomme ich ein paar Stempel und die Unterkünfte sind kostengünstig für Pilger. 
Nach fast 2 Stunden Pause ist der Regen vorbei und ich versuche meine letzten Kilometer bis Barcelos zu absolvieren. Immer wieder fotografiere ich Wegweiser. Davon gibt es eine ganze Menge hier und alle sehen anders aus. Als ich über die Brücke nach Barcelos gehe, fährt mich fast ein Auto an. Ich kann spüren, wie er mit dem Spiegel meinen Ellenbogen streift. Das mit den Autos ist in der Tat ziemlich gefährlich für uns Pilger. Leider gibt es oft keine Fußwege und die Autos sind mit einem gehörigen Tempo unterwegs. Ab diesem Moment habe ich noch mehr Respekt oder sollte ich vielleicht sogar sagen Angst, vor den Autos hier in Portugal. Ich gebe noch mehr acht auf mich und wechsle immer zu die Straßenseiten, um möglichst frühzeitig von dem Fahrer gesehen zu werden. Hier muss wohl ich besser auf mich aufpassen, wenn es eben andere nicht tun. 
Endlich komme ich in der privaten Herberge von Barcelos an. Eine sehr schöne Unterkunft. Leider bekomme ich kein vegetarisches Pilgermenue vor Ort, daher muss ich noch einmal in einem Supermarkt – supermercado laufen und mir ein wenig was zum Essen organisieren. Hier im Supermarkt gibt es eine mega große Fischtheke und ich habe noch nie so einen strengen Fischgeruch in der Nase gehabt, von dem getrockneten Stockfisch, der direkt am Eingang in Massen angeboten ausgelegt ist. 
Es kommen nur noch 3 andere Pilger heute an. Trotzdem schlafe ich mal wieder ganz allein in einem Zimmer mit Doppelstockbetten. Da das andere ein Pärchen, einen anderen Raum bezieht, sowie ein junger Mann mit Hund, der auch alleine nächtigt. 
Einkaufen ist in Portugal überhaupt sehr einfach. In fast jedem kleinen Ort gibt es Minimercados, in denen man alles bekommt, was für Essen und Trinken nötig ist. Und es gibt immer wieder kleine Pastelarias und Cafés in denen man einen schnellen Kaffee oder ein bisschen Gebäck bekommt. Heute decke ich mich also im Supermarkt ein, mit einem kleinen Abendmenue für die Mikrowelle, 2 Dosen Cerveja, und Obst und Wasser für den nächsten Tag. Ich nutze überhaupt jede Gelegenheit um Verpflegung und vor allem Wasser zu kaufen. Sodass es kein Problem ist auch einmal ohne ein Café auszukommen. Dafür habe ich auch meinen kleinen Spiritusbrenner dabei. Darin koche ich mir doch ab und zu Wasser für einen Kaffee am Wegesrand oder auch mal einen Porrige. Luxus aber nice to have, kann ich nur sagen. 
 


Donnerstag, 23.02.2023 Barcelos - Sobreiro 28 km

 
Die Nacht ist okay und am Morgen ersteinmal das tägliche Ritual. Eine Tasse Kaffee und den Rucksack packen. Alles hat inzwischen seinen angestammten Platz gefunden, damit der Rucksack optimal gepackt ist. Dafür habe ich für jedes Thema eine kleine wasserdichte Tasche. So kommen alle Techniksachen in die kleine rote, Medikamente in grau, Oberbekleidung in blau, Unterwäsche und Handtuch in rot, usw...

Heute läuft es gut. Inzwischen sind es nur noch 188 km bis Santiago. Ich komme immer mehr in mein eigenes Tempo. Das Wetter ist herrlich und ich genieße die Landschaft und das Gehen jeden Moment. Ich überlege, ob ich in der sog. Kultherberge Casa Fernanda einkehre, aber es läuft heute so gut, dass mir das zu wenig Weg ist. Also geht es einfach locker weiter. Ich habe aus meinem rechten Wanderstiefel die Sohle heraus genommen. Somit kann ich wieder mit dem rechten Fuß ganz gut laufen. Statt der Sohle habe ich einfach 2 Socken übereinander gezogen, sodass es trotzdem weich genug ist. Zwar hat sich jetzt auch unter dem Fuß eine Blase gebildet, aber auch da klebe ich mal schnell ein Pflaster drauf. 
 
Portugal und die Menschen gefallen mir sehr gut. Ich beginne zu überlegen, ob ich überhaupt nach Santiago laufen möchte. Was ist, wenn ich nur bis zur Grenze laufe und dann einfach den Küstenweg zurückgehe. Ach, einfach mal abwarten und weiter darüber nachdenken. Ich erreiche eine kleine Wasserstelle. Da würde ich gern einmal meine Füße reintauchen. Als ich ankomme, sind bereits ein Pilgerpärchen da und kurz darauf kommt noch einer. Ich will gerade meine Füße eintunken, als auch ein Auto mit zwei jungen Portugiesen kommt, die dort wohl ihre Pause verbringen wollen. Das Pärchen macht sich alsbald wieder wanderfertig und ich merke wie es mir unheimlich so allein weit draußen an dieser Wasserstelle wird und entscheide mich schnell, mich den anderen Pilgern anzuschließen. Es gibt wenige Augenblicke, wo ich mich allein als Frau unwohl fühle. Aber ich versuche eben auch Dinge zu umgehen, die irgendwie unangenehm werden könnten. Dazu gehören eben solche Momente, aber auch, das ich am Abend im Dunkeln nicht durch die Stadt laufe. Ich versuche mich offen, zugewandt aber aufmerksam zu geben und somit einfach für mich Sicherheit zu gewinnen. Das gelingt mir auf dem Jakobswegs sehr gut. Also kann ich sagen, ja man kann alleine diese Weg gehen, wenn man als Frau nicht ängstlich ist und ein gewisses Maß an Selbstfürsorge und Vorsicht mitbringt. 
 
Nach einigen Kilometern, wird der Weg bis Ponte de Lima doch lang. Ich überlege, ob ich den Abzweig zu privaten Herberge, die ich mir in meinem Pilgerführer ausgesucht habe, einfach übersehen habe. Und ich merke wie anstrengend der Weg auch für meinen Körper ist. Meine Füße brennen höllisch, denn 80% des Weges ist über Kopfsteinplaster oder sog. Römerpflaster. Damit sind die Füße sehr gefordert. Ein schöner weicher Waldweg ist nun mal einfach etwas anderes. 
Nach 28 km endlich der Abzweig zur Herberge. Eine nette Portugiesin läßt mich rein und macht gerade noch die Herberge hübsch. Ich bin wieder mal alleine, habe aber ein komfortables Doppelbett und ein Bad für mich. In der Küche kann ich mir etwas zu Essen machen, wenn es denn etwas geben würde. Ich bin einfach zu geschafft, um noch irgendwo hinzugehen, daher fällt das Abendessen heute zugunsten der Füße aus. Ich esse mein Obst und ein paar trockene Kekse. Also stelle ich fest, auch die Pilgermenues und Verpflegungen sind außerhalb der Pilgersaison nicht unbedingt gewährleistet. 
 
Ein langer Tag und ein langer Weg gehen heute zu Ende. Aber es fällt auch eine Entscheidung. Ich gehe nicht nach Santiago de Compostela. Ich werde bis Valenca laufen und dort einen Zero-Day einlegen. Das ist ein Tag, an dem man eben nicht läuft. Dann werde ich einen Ausflug nach Tui in Spanien unternehmen und dann geht es auf der Küstenvariante zurück nach Porto. Im Laufe des Tages kam diese Idee immer wieder auf und beim letzten Halt habe ich sie angenommen und damit wurde es nun mein WEG. Wahrscheinlich wollte ich nie wirklich nach Santiago. Aber man macht das halt so, wenn man den Caminho läuft. Aber ich eben nicht, ich möchte in Portugal bleiben und an der Küste zurückgehen. Da ich mich eh so schwer entscheiden konnte, welchen der Wege ich gehe, ist das für mich die beste Lösung. So fühlt es sich auf einmal auch stimmig an. Ich laufe bis Valenca und dann geht es zurück nach Porto. Es gibt immer einen Plan B für einen Weg. Zurück ist keine Schande, oder nicht Santiago ist das Ziel, sondern der Weg ist das Ziel. 
 
Gute Nacht und BOM CAMINHO – ich bleibe in Portugal 


Freitag, 24.02.2023 Sobreiro - Rubiaes 24 km

 
Nach einer erholsamen Nacht in der Herberge O Caminheiro, geht es bei schönstem Wetter sehr früh auf nach Ponte de Lima. Es ist eisig heute früh, daher bin ich froh auch meine dicke Jacke mitzuhaben. Heute steht die Überschreitung des höchsten Punktes des Caminhos an. Aber ersteinmal geht es ins schöne Ponte de Lima. Dort wie immer, wenn es passt, suche ich mir ein kleines Café, in dem auch Einheimische sich einfinden. Immer ein Garant für gutes und preiswertes Essen und Trinken. Auch diese Stadt ein schöner Augenschmaus, wenn man Städte mag. Ich versorge mich noch mit ein wenig Wegzehrung, wer weiß, wann es wieder etwas gibt. In einem Minimercado bin ich von der Auswahl überwältigt. Mitten in der Stadt ein Raum von ca 9qm vom Boden bis zur Decke, überfüllt mit Waren aller Art. Ein voll ausgestatteter Supermarkt auf 9qm. 
 
So langsam laufe ich mich ein. Akzeptiere die Schmerzen an meinen Füßen und gehe einfach langsamer. Schritt vor Schritt vor Schritt. Pilgere ich, oder wandere ich doch nur? Was ist eigentlich pilgern und muss ich unbedingt in eine Kirche gehen? Viel Zeit für diese und andere Fragen auf den Kilometern, die ich so ablaufe. Vielleicht ist für mich pilgern erst, wenn andere mitlaufen? Da es aber so leer ist, wandere ich wohl alleine und pilger eben doch nicht. 
 
Es geht über die höchste Erhebung und danach hinab und ich kehre direkt in einem kleinen Gartenlokal ein um einen frisch gepressten Orangensaft zu trinken. Überhaupt hängen die Bäume voll mit Orangen und Zitronen, sodass einem die Augen übergehen und das Wasser im Mund zusammen läuft. Es ist noch nicht sehr grün zu dieser Jahreszeit, aber am Wegesrand sehe ich jede Menge Callas, die wachsen hier, wie bei uns der Bärlauch sprießt. Und wilden Dill kann ich überall entdecken. Ich zupfe immer ein paar Stängel ab und schnupper daran. Ach wie herrlich. 
 
Gegen 17 Uhr komme ich in Rubiaes an. Dort wähle ich die öffentliche Herberge aus. Auch hier ich noch wenig los. Also schlafe ich mit 2 Pilgern in einem 10 Betten-Zimmer. Das Gute an der Wenigbelegung ist, dass man immer unten im Stockbett ein Bett bekommt und die Duschen und Waschgelegenheiten nicht überlaufen sind. Die Preise sind allerdings auch wieder etwas angestiegen. Obwohl ich einen nagelneuen 2022 erschienen Pilgerführer habe, sind die Preise höher als angegeben. Aber das ist wohl auch eine Folge des Krieges und Coronas. Allein mit 2 Männern in einem Schlafsaal zu nächtigen ist für mich ein wenig befremdlich. Meine Wertsachen trage ich, seit dem ersten Tag, immer in meinem Brustbeutel unter der Kleidung, Tag und Nacht bei mir. Nur ein wenig Bargeld habe ich im Portemonaie um einen Tee oder ein paar Lebensmittel zu kaufen und ein Bett zu bezahlen. Wie immer versuche ich es mit wenig Aufmerksamkeit, kurzes vorstellen um zu zeigen, ich bin hier, habe aber kein Interesse an näherem Kontakt. Das ist mein persönlicher Schutz. Ich bin nicht Kontaktscheu, möchte aber auch keine falschen Erwartungen wecken. Zum Abendessen gibt es heute wieder ein Pilgermenue. Alles super. Es geht mir gut, auch wenn ich höllisch erschöpft bin und meine Füße einfach nur noch schmerzen. 
 
Vielleicht ist pilgern auch einfach nur Schmerzen zu ertragen und trotzdem nicht aufzugeben. Dann ist mein Leben auch eine Pilgerwanderung, vorallem in den letzten 3 Jahren. 
 


Samstag, 25.02.2023 Rubiaes - Valenca 16 km

 
Wie immer startet mein Weg relativ früh. Also für mich so gegen 8 Uhr. Ich habe gehört, dass im Sommer, wenn viele Pilger unterwegs sind, manche um 5 Uhr starten um noch einen Platz in einer Herberge zu bekommen. Im Moment sind wir Welten davon entfernt. Ich weiß nicht genau, aber wenn es hoch kommt, habe ich 20 Pilger bis jetzt getroffen. 
 
Heute habe ich nur einen kleinen Weg vor mir. Aber wie jeden Tag, denke ich nach dem Aufstehen, heute gehe ich keinen Kilometer mit diesen Füßen. Nach dem Losgehen, fühlt es sich für 5 km ganz gut an und dann kommen die Schmerzen und ich frage mich: Warum machst du das überhaupt? Wer hatte diese bescheuerte Idee quer durch Portugal zu laufen und was soll das Ganze eigentlich? 
 
Der Weg ist nach wie vor sehr abwechslungsreich. Ich arbeite mich Kilometer um Kilometer, Stempel um Stempel, Wegweiser und Wegweiser voran. Heute sehe ich einen Wegweiser, der mir sagt, dass Santiago noch 135 km entfernt liegt, aber Porto auch. Damit habe ich genau die Hälfte des Weges geschafft. WOW – ich bin so stolz auf mich. Und der Weg fühlt sich, seit meiner Entscheidung zurück nach Porto zu gehen, so richtig an. Ist es manchmal einfach nur wichtig, Entscheidungen zu treffen? 
 
Ich komme heute früh in Valenca an. Also ersteinmal wieder in eine Pastelaria und ein wenig Fußpflege betreiben. Unterwegs habe ich bereits ein paar Schilder für ein Hostel in Valenca gesehen. Dort buche ich mich ein. Das ist zwar nicht billig, aber ich brauche eine Koje für mich und ein wenig Zeit zur Pflege. Morgen werde ich pausieren, oder fast jedenfalls. Denn ich möchte nur mit leichtem Gepäck rüber nach Tui in Spanien und ein wenig die Stadt besichtigen. Meine Füße brauchen einen Tag Pause und mein Rücken einen Tag Entlastung vom Rucksack. Das Hostel Bulwark ist klasse. Auch dort zur Zeit nur 2 junge Männer, die aber nicht pilgern, sonder wohl in der Nähe arbeiten. Jetzt einfach mal Wäsche waschen, duschen und Füße entspannen. Oh, es geht mir gut. Zum Abendessen auszugehen fehlt mir einfach die Kraft. 
Heute habe ich also meinen Point of return erreicht. Ich habe genau die Hälfte des Weges geschafft. JÄH – ich bin so stolz. 


Sonntag, 26.02.2023 Valenca - Tui 8 km

Das Hostel ist super, hier gibt es sogar ein kleines Frühstück. Aber wie es sich im Sommer anfühlt, wenn alle 19 Betten belegt sind? Ich mache mich auf den Weg nach Tui. Die Altstadt Valenca ist burgenähnlich angelegt und wirklich sehenswert. Jetzt im Februar ist es aber noch total leer und daher kann man alle Gassen und Wege ganz in Ruhe erkunden. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie es bei 30 und mehr Grad hier drin ist. Da mag sich die Hitze nur so stauen und die Touristen stapeln. Ich bin so froh jetzt unterwegs zu sein und diese Ruhe und Freiheit zu genießen. Auch wenn ich gerne mal mit anderen Pilgern reden würde. Da ich eine weitere Nacht hier bleibe, können meine Sachen in Ruhe trocken. Ich laufe über die große internationale Brücke nach Tui. Überhaupt über Brücken zu gehen, fühlt sich hier in Portugal eher gefährlich an. Nicht erst seit dem mich das Auto gestreift hat. Die Brückenseiten für Fußgänger machen leider keinen vertrauenserweckenden Eindruck, sodass ich so schnell wie möglich, diese hinter mir lassen möchte. 
 
Tui an einem Sonntag um 11 Uhr ist nicht sehr voll. Also auch hier jede Menge Platz um die Stadt zu besichtigen, einen grünen Tee zu genießen und ein wenig durch die Straßen zu wandeln. In der Touristeninfo bekomme ich meinen Stempel aus Spanien und in der Kathedrale einen weiteren, von einem ziemlich gelangweilten Herrn, der unliebsam mit lautem Krawumm einen Stempel in meinen Pilgerausweis hämmert. Aber nun gut, ich möchte nicht wissen, wie viele er so in der Hochsaison hineinstempelt. 
 
Heute spare ich ein wenig Geld, da die Unterkunft doch ein bisschen teuer als eine Herberge ist. Daher gibt es zum Mittagessen nur ein paar Kleinigkeiten aus dem Minimercado. Ich ruhe mich nachmittags aus, um für morgen wieder fit zu sein. Und eigentlich mag ich schon wieder weiterlaufen. Aber der Ruhetag ist sicher gut und macht einfach Sinn. Ich freue mich auf morgen, wenn es wieder losgeht. Einfach nur faulenzen ist doch nichts für mich. 


Montag, 27.02.2023 Valenca - Vila Nova Cerreira 16 km

 
Heute geht es immer am Riu Minho entlang. Ein sehr gut ausgebauter Radwander-Weg entlang des Flusses will einfach nur gelaufen werden. Auch hier scheine ich fast alleine zu sein. Jetzt muss ich den blauen Pfeilen folgen, denn mein Weg geht zurück nach Porto. Das Wetter ist schön, die Sonne ist wieder zurück und es wird allmählich wärmer. Aber es ist auch ein wenig unspektakulär, diesem gut ausgebauten Rad und Wanderweg zu folgen. Ich schaue jeden an, der mir entgegen kommt. Pilger ??? Bom Caminho wird sich dann gegrüßt. Aber es kommen mir kaum Leute, geschweige denn Pilger entgegen. 
 
Gegen 13 Uhr komme ich Vila Nova Cerreira an, schaue mich ein wenig um und suche mir die Jugendherberge aus, da ich mir nicht sicher bin, dass die Herberge vor der Stadt schon geöffnet ist. Ich bekomme ein 4 Bettzimmer und mal wieder für mich alleine. Ersteinmal duschen und Wäsche waschen. 
 
Dann streife ich ein wenig durch die Stadt und finde in einem Café eine nette Unterhaltung mit einer älteren Dame, die gut deutsch spricht. Wir unterhalten uns eine ganze Weile und ich entscheide mich, mit ihrem Ratschlag, auch mein Abendessen heute dort einzunehmen. Aber ich fühle mich nach wie vor als Pilgerin noch sehr allein, fast ein wenig einsam mutet es an. Ich genieße noch den Sonnenuntergang über dem Fluß, bevor ich in mein Etagenbett schlüpfe. 
 
Ich schreibe mein Tagebuch und sinniere über den Weg und mein Sein nach. 


Dienstag, 28.02.2023 Vila Nova Cerreira - Caminha 18 km

Heute mal wieder mit Frühstück. Es gibt ein einfaches Frühstück in der Jugendherberge und damit startet mein Tag heute. 
Es geht doch ein bisschen auf und ab. Ich laufe über kleine Dörfer am Hang und wieder hinunter. Die Pfeile sind nicht immer gut zu sehen und so einige male muss ich doch in meiner Wanderapp prüfen, ob ich noch richtig bin. Heute kommen mir ein paar Leute entgegen. Es wird März, da wird der Weg vielleicht mehr gelaufen? Ich sehe immer den Fluß, auch wenn ich hoch im Berg laufe. Die Kilometer schleichen sich so dahin und meine Gedanken sind immer wieder unterwegs. 
 
In Caminha muss ich ersteinmal wieder über eine Brücke und dann bin ich in der Altstadt. Dort finde ich ein kleines Schild, welches auf ein veganes Pilgermenue hinweist. Au ja, das ist doch perfekt. Ich komme auf eine Dachterasse und finde ein kleines feines Restaurant mit einem Menue ganz nach meiner Nase. Highlight des Tages: die Cantina do bem in Caminha. Oh, ich schwelge in einer Bowl mit verschiedenen Gemüsen und Dinkel. Wie kann es besser sein? 
 
Ich bin auf den letzten Metern zum Meer und entscheide mich heute für eine Nacht auf dem Campingplatz Orbitur. Damit kenne ich mich ja schon aus und bekomme wieder eine kleine Hütte für mich allein. Dafür dass ich heute hier nächtige, muss ich morgen ein paar Kilometer drauflegen und in jedem Fall bis Viana do Castelo laufen. Mein Plan am Freitag abend in Porto zu landen, damit ich Samstag einen Tag mit Sightseeing verbringen kann, geht sonst nicht auf. 
 
Also heute Nacht in Caminha verbringen. Ich gehe noch ein paar Schritte bis zum Meer und genieße die wunderbare Stille zu dieser Zeit dort. Die Hütten auf den Plätzen bestehen aus 2 kleinen Zimmern. Ein Bett und Schrank im einen Teil und ein Sofa, 2 Stühle, 1 Tisch und ein Kühlschrank im anderen Zimmer. Davor eine kleine Veranda und meistens befindet sich noch ein kleiner Shop auf dem Gelände. Auch jetzt ist es total leer hier. Aber ich denke im Sommer, ist das ein Geheimtipp und es wird richtig voll hier. Also für heute noch eine Falsche Bier und ein paar Kräcker, mein Reisetagebuch schreiben und noch eine kleine Abendmeditation. Gute Nacht 


Mittwoch, 01.03.2023 Camina - Viana do Castelo 28 km

 
Zurück am Meer oder zumindest in der Nähe des Meeres. Wer denkt, der Weg führt nun ausschließlich direkt am Meer entlang, irrt. Also, man könnte die ganze Zeit ziemlich in Meeresnähe wandeln, aber mein Reiseführer empfiehlt eher die etwas innenliegende Variante. Also wieder durch Dörfer und Wälder und erst ab Carreco wechsle ich an den Strand. Aber ich merke auch, wie mir das Inland besser gefällt. Es ist nicht so touristisch, natürlicher, unaufgeregter und einfacher. Und damit auch kostengünstiger. Es ist nett und schick hier an der Promenade zu wandern, aber eben auch ein wenig langweilig. Hier weht der Wind mir auch ganz ordentlich um die Nase. Ich bin froh, als ich in der Herberge von Viana do Conde ankommen. Eigentlich will ich noch einen Stadtbummel machen, aber irgendwie fehlt mir am Nachmittag immer die Kraft dazu, wenn ich schon so viele Kilometer gelaufen bin. Also bleibe ich in der Herberge und halte mich mit Tütensuppe und ein paar Kräckern über Wasser. Hier ist auch zum ersten mal das Zimmer ausgebucht. 2 Paare sind mit mir dort. Sie sind in Porto gestartet und wandern Richtung Norden. Ich freue mich davon zu berichten, dass ich bereits auf dem Rückweg bin. Das Zimmer ist okay, aber es ist verdammt kalt nachts. Daher bin ich froh, in einem Haus schlafen zu können, auch wenn in Portugal die Häuser nicht beheizt sind und meinen Schlafsack zu haben. Überhaupt lerne ich Genügsamkeit auf diesem Weg. Auskommen mit dem, was ich dabei habe und dem, was ich angeboten bekomme. Das einfache Etagenbett, das mir zugewiesen wird oder das vorgefertigte Pilgermenü, sind nur einige Beispiele. Das Beste was diese Reise mit mir gemacht hat: Einfach annehmen was kommt.


  Donnerstag, 02.03.2023 Viana do Castelo - Fâo  28 km

 
Wenn es am Vorabend kein Essen gibt, versuche ich den Tag mit einem Frühstück zu beginnen. Also gehe ich ein paar Schritte zurück zur Promenade. Ein wenig noch von der Stadt anschauen und etwas zu Essen besorgen. Ein kleines schönes Café in dem ich mein Frühstück, wie üblich einen Tee und einen Croissant bekommen. So kann es losgehen. Ein paar andere Pilger nehmen auch ihr Frühstück hier ein. Sie haben wohl woanders geschlafen und sind Spanier oder Portugiesen, aber wohl Pilgererfahren. Denn ihre Rucksäcke sind klein und ihre Füße stecken und ultraleichten Turnschuhen. Sollte ich beim nächsten mal auch andere Schuhe tragen? 
 
Es geht nach dem Frühstück wieder über eine große Brücke, verdammt das macht mir Angst. Es ist wirklich nicht zu spaßen mit den Brücken und dem Verkehr. Dann ackere ich mich einen Berg hoch, wandere durch kleine Wälder, komme an einer berühmten Kirche vorbei – die heißt Santiago und liegt im gleichnamigen Ort – aber leider nicht Santiago de Compostela ;-), laufe gefühlt über 20 km Kopfsteinpflaster und zum Schluss 5 km an einer endlos langen Strandpromenade um dann wiederum eine gefährliche Brücke zu passieren. Immer wieder mache ich Pausen um auszuruhen und ein bißchen einfach dazusitzen und zu beobachten. 28 km oder mehr. Ich habe keine Ahnung, aber es reicht. Meine persönliche Grenze ist erreicht. Ich weiß nicht genau, ob ich morgen weiter gehe. Mein rechter Fuß schmerzt und ist wieder mit 2 neuen Blasen bestückt. Ich bin unsagbar müde. Leider habe ich heute nicht wirklich etwas zum Einkehren und Essen gefunden. Also nur ein paar Kekse und ein wenig Obst zum Essen. Dafür habe ich ein schönes kleines Hostel aufgetan. Oh wie schön, sauber und gut ausgestattet. Und wieder einmal nicht ausgebucht, sondern mit 2 Frauen in einem 4 Bettenzimmer. Eine warme Dusche und ein nettes Gespräch lassen den Tag auch wieder etwas freundlicher ausklingen. Ein großes Danke an The Spot Hostel Ofir für eine wunderbar gemütliche Nacht. Morgen sieht die Stimmung bestimmt wieder besser aus. 


Freitag, 03.03.2023 Fâo - Vila do Conde 25 km

Start heute nur mit einem kleinen Kaffee. Gut, dass ich doch so einiges dabei habe und mich so autark versorgen kann. Es geht durch viele Gemüsefelder heute. Es scheint der Gemüsegarten Portugals zu sein. Jede Menge Gewächshäuser, Gemüsefelder und Anbauland. Aber auch sehr einsam, denn das einzige was mir begegnet sind kleine Vans, die mit Gemüsearbeitern bestückt sind. 
 
Nach 2 Stunden, komme ich beim ersten Café an und dann erst einmal eine Pause einlegen. Jetzt geht es zurück ans Meer. Immer wieder brauche ich Pausen und hinke so vor mich hin. Der rechte Fuß ist mit allerlei Blasenpflastern ausgestattet. Ich laufe immer noch ohne Einlage herum, aber es ist beschwerlich. Ziel heute ist Vila do Conde, es muss gehen. Wenn ich dort ankomme, schließt sich der Kreis. 
 
Ich mache irgendwo auf der Promenade eine Pause. Die Strandbars sind noch nicht geöffnet und so lasse ich mich einfach für eine Stunde dort nieder, um auszuruhen. Ich beobachte das Meer, lausche den Wellen und lasse einfach  meine Gedanken fließen. Was mache ich, wenn ich ankomme? Bin ich dann eine Andere? 
 
Es geht stundenlang vorbei an Strandbars, kilometerlangen Promenaden. Hier muss im Sommer der Strand voll sein. Es sieht hip und schick aus hier. Ich glaube der ganze Atlantik ist in Portugal mit einer Promenade ausgebaut. 
 
Ich schaffe es bis Vila do Conde und als ich an der Kathedrale ankomme, an der ich am 21.02.2023 bereits war, kommen mir doch Tränen. Ich bin so weit gelaufen. Vor 10 Tagen bin ich von hier aus auf den Zentralweg gewechselt. Ich kann es fast nicht glauben, dass ich es geschafft habe. Jetzt sind es nur noch 30 km bis Porto. Damit habe ich meinen Caminho heute beendet. Ich bleibe in der öffentlichen Herberge Santa Clara und genieße den Abend und meine persönliche Stimmung. Mein Stolz all diese Kilometer gelaufen zu sein und nicht aufgegeben zu haben. 
 
Hier treffe ich auch wieder ein paar andere Pilger. Jetzt scheint die Saison zu beginnen. Wir quatschen und essen zusammen und es ist für mich ein schöner letzter Abend hier auf meinem Caminho. 


Samstag, 04.03.2023 Porto

 
Ein liebgewonnenes Ritual, ein Frühstück in einem kleinen Café. Dann fahre ich mit der Metro nach Porto rein. Heute möchte ich mir Porto in Ruhe anschauen, ein wenig Sightseeing machen und einfach meine Reise ausklingen lassen. Als ich am 19.03. ankam, wollte ich mir die Zeit für einen Stadtbummel nicht gönnen. Daher komme ich nun zurück und werde den Tag genießen. 
 
Ich laufe quer durch die Stadt und besuche einige Sehenswürdigkeiten. Dann buche ich mir ein Busticket mit einem Hop on – Hop off Bus und fahre die ganze Stadt ab. Vieles, was ich auf meinem Startweg gesehen habe, bekomme ich nun noch einmal zu Gesicht. Das ist schon ein eigenartiges Gefühl. Ich steige auf der gegenüberliegenden Stadtseite aus und gehe zu Fuß über die berühmte Brücke Ponte D. Luis. An dessen Ende gönne ich mir ein letztes Glas Vinho verde und einen kleinen Imbiss. 
 
Zum Abschluß verbringe ich die Nacht in einem kleinen Hostel und lasse einfach noch einmal alles Revue passieren. Aber ersteinmal bekomme ich noch einen gehörigen Schrecken. Habe ich doch das Hostel und den Flughafen in einer anderen Ecke vermutet. Da habe ich 270 km fehlerfrei zurückgelegt, alles gefunden und gut erledigt und am letzten Abend verirre ich mich in der Stadt. Ach, was für ein Schreck. Aber ich werde es morgen zum Flughafen schon schaffen und ich darf mich auch einmal irren. 
 
Was für eine Reise, welche Erfahrungen, welche Eindrücke, was für ein Glück, all das gesehen zu haben und machen zu dürfen. 


Sonntag, 05.03.2023 Porto - Neustadt am Rübenberge

 
Es geht zurück. Nach einer unruhigen Nacht. Ich habe doch noch eine Weile damit zugebracht meinen Fehler zu verteufeln und mich gefragt, ob ich gut zum Flughafen komme. Aber alles umsonst; es klappt einwandfrei am Sonntag um 8 Uhr mit dem Bus zum Flughafen. Rückflug mit Lufthansa, Zugfahrt nach Hause alles klappt bestens. 
 

Packliste: 

Wanderschuhe, Sandalen, warme Jacke, Regenjacke, Softshelljacke, 1 Top, 2 T-Shirts, 1 Longsleeve, 1 Sweatjacke, 1 Wanderhose, 1 Legging, 1 kurze Sporthose, 2 P. Wandersocken, 1 P. Sneakersocken, 3 Slips, 2 Bhs, Kopftuch, Halstuch, Hut, Rucksack, Schlafsack, Kopfkissen, Wanderstöcke, Regenschirm, Trinkblase, Trinkbecher, Kocher, Göffel, Messer, Feuerzeug, Spiritus, Stirnlampe, Powerbank, Kopfhörer, Uhr, Kaffeepulver, Haferbrei, Portemonaie, Brustbeutel, Bauchtasche, leichter Rucksack als Tasche, 1. Hilfe Set, Brille, Sonnenbrille, Reiseführer, E-Reader, Handy, Ladekabel, Klopapier, Blasenpflaster, Ohrenstöpsel, Handtuch, Waschlappen, Hygieneartikel ( Seife, Creme, Zahnbürste, Zahncreme, Sonnencreme, Deo, Hirschtalg, Haargummis) 
 

Nice to have aber nicht lebensnotwendig: 

Daunen-Schlafsack – aber in der kalten Jahreszeit durchaus wichtig, da nicht alle Herbergen Decken anbieten 
Kopfkissen – wahrscheinlich kann man auch auf seinen Klamotten als Kissen schlafen, aber ich habe nicht gern einen steifen Nacken, daher für mich ein must have 
Kocher und Spiritus – habe ich für mein kleines Essen und den Kaffee zwischendurch genutzt 
Dicke Jacke – durch meinen Start im kalten Deutschland war ich froh über die Jacke 
Wanderstöcke – sind nicht unbedingt wichtig, mich entlasten sie aber oftmals 
 

Überflüssig oder zu viel: 

Unterwäsche hätte jeweils ein Satz weniger gereicht 
Regenschirm 
Dicker Schlafsack – stattdessen ein Hüttenschlafsack 
… all das hängt vom Wetter und den Temperaturen ab.  Daher Glück mit dem Wetter gehabt. 
 

Fazit 

 270 km Caminho Central und da Costa in Portugal 
Alle Blasenpflaster aufgebraucht 
Wenige Pilger getroffen – war einfach zu früh unterwegs 
Ungefähr 30,- Euro am Tag für Essen und Übernachtung verbraucht 
Portugal ein tolles Land – immer wieder 
Ich bin mehr der Landmensch - Stadt alleine macht keinen Spaß
Alle Unterkünfte ausprobiert. Hostel - Jugendherberge - Alberge - Campingplatz
Man kann als Frau alleine reisen. Keine Angst haben ! 
 

ESSEN – SCHLAFEN – LAUFEN 

mehr braucht es nicht, wenn man zu Fuß unterwegs ist. 

 
Ja, ich würde wieder pilgern, vielleicht etwas später im Jahr, in keinem Fall aber im Sommer. 
 
Nächstes Ziel: Caminho von Lissabon nach Porto ??? 

BOM CAMINHO